Handlungszusammenfassung
Anne & Henrietta

Das Kapitel beginnt mit einem harmlosen, gemeinsamen morgendlichen Spaziergang von Anne und Henrietta. Henrietta leitet das Gespräch mit einem Kompliment über die angenehme Seeluft direkt über zu Dr. Shirley, demjenigen Geistlichen, dessen Pfarre ihr Verlobter, Charles Hayter, voraussichtlich eines Tages übernehmen soll, was mit einer erheblichen Erhöhung des Ansehens verbunden wäre; und überhaupt verstehe sie nicht, warum sich Shirley so an seine Position klammert, wo doch so ein fähiger designierter Nachfolger, eben ihr Verlobter zur Verfügung stünde.

Anne pflichtet ihr, wenn auch heimlich über Henriettas Enthusiasmus schmunzelnd, freundlich bei. Henrietta äußert darüber hinaus den Wunsch, Lady Russell möge doch auf Shirley einwirken, weil sie wohl die Fähigkeit besäße, Menschen zu allem veranlassen zu können.

Während dieses Gespräches stoßen Louisa und Wentworth zu den beiden, die ebenfalls einen morgendlichen Spaziergang unternehmen. Louisa, die an diesem Morgen besonders erpicht scheint, „überredet“ alle dazu, sofort in die Stadt zu spazieren, um einzukaufen.

Mr. Elliot

Auf dem Weg dorthin trifft die Gruppe auf einen bislang unbekannten Herren, der Anne sofort ins Auge fasst und der der Gruppe freundlich Platz macht. Etwas später, während des Frühstücks im Gasthof, erfahren wir weiterhin, dass dieser Herr und sein Diener Trauerflor tragen. Dieser Edelmann scheint von äußerst gutem Benehmen, ist nicht gerade hübsch, aber trotzdem angenehm anzusehen. Vom Kellner ihres Gasthofes erfährt die Gesellschaft, dass es sich bei dem Herren um einen gewissen Mr. Elliot handelt.

Mary, fast außer sich, folgert blitzschnell, dass es sich um den Erben ihres Vaters handeln muss und dass er nach ihrem Dafürhalten dann doch wie ein echter Elliot aussah, obwohl sie sich nur die Pferde seines Kabrioletts besah, als er abreiste.

Nach dem Frühstück will die kleine Gesellschaft noch den Vormittag vertrödeln bis sie dann plant, gegen ein Uhr zurück nach Uppercross aufzubrechen. Während dieser Zeit spricht Anne zum Einen mit Benwick über Literatur und zum Anderen mit Harville, der ihr schildert, wie pflichtbewusst Kapitän Wentworth seinem Freund Kapitän Benwick die Nachricht vom Tode seiner Verlobten überbrachte und ihm daraufhin noch eine Woche fürsorglich beiseite stand.

Der Unfall

Im weiteren Verlauf des Spazierganges geschieht es, dass Louisa, statt die steile Stiege der Kaimauer wie alle anderen vorsichtig herabzusteigen, sich von Wentworth ein zweites Mal auffangen lassen will, obwohl er ihr davon abrät. Dieses zweite Mal ist zu viel und sie landet unglücklich auf dem Gesicht und bleibt reglos liegen.

Alle sind schockiert. Nachdem Wentworth, die leblose Louisa in den Armen haltend, verzweifelt um Hilfe bittend in die Runde blickt, ist es Anne, die als erste geistesgegenwärtig reagiert, die in Ohnmacht gefallene Henrietta von Benwick übernimmt und ihm, Benwick, befiehlt, Louisa die Hände und Schläfen zu reiben sowie ihr Salze zu verabreichen, die sie, Anne, dabei hat. Während alle anderen immernoch benommen dastehen und starren verlangt Anne nach einem Arzt und erkort Benwick dazu aus, sich sofort zu einem zu bemühen.

Als die Gruppe vorsichtig versucht, Louisa zum Gasthof abzutransportieren, eilen die Harvilles der Gruppe bereits entgegen und bestehen darauf, die Unglückliche in ihr eigenes Haus zu bringen und dort dann auf die Ankunft des Arztes zu warten. Der herbeigeholte Arzt diagnostiziert eine schwere Gehirnerschütterung, scheint aber guter Hoffnung zu sein.

Was tun?

Nachdem sich der erste Schreck langsam gelegt hat beratschlagen Charles, Henrietta und Frederick darüber, wie jetzt weiter zu verfahren sei. Es sei von höchster Wichtigkeit, dass Mr. und Mrs. Musgrove zügig über die jüngsten Ereignissen in Kenntnis gesetzt werden. Charles besteht darauf, bei Louisa zu bleiben. Frederick nimmt an, dass es Mary „selbstverständlich zu ihren Kindern drängt“ und sie daher geneigt sei, nach Uppercross mitzufahren. Demzufolge wird kurzerhand beschlossen, dass Mary, Henrietta und Frederick gemeinsam aufbrechen. Anne sollte, wenn sie möchte, bei Louisa bleiben, denn „niemand ist so geeignet, so befähigt wie Anne“, konstatiert Frederick. „Als Mary von dem Plan hörte, war aller Friede dahin.“ Sie macht eine so unerträgliche Szene, dass der Plan Wohl oder Übel so abgeändert wird, dass Mary in Lyme bleibt, während Anne sich mit nach Uppercross begibt.

Die Rückfahrt verläuft ruhig. Henrietta weint sich, nachdem sie mit Frederick den unglücklichen Unfall nochmals Revue passieren lässt, in den Schlaf und Anne hört zu. Kurz vor Ankunft in Uppercross bittet Frederick Anne freundlich und respektvoll um ihre Meinung, wie die schreckliche Nachricht den Eltern zu überbringen sei. Sie pflichtet seinem Vorschlag, Henrietta schlafend in der Kutsche zu belassen, während er den Eltern unter die Augen tritt, bei und bleibt mit diesem „Beweis seiner Freundschaft und Achtung vor ihrem Urteil“ bei Henrietta. Nach Überbringung der niederschmetternden Nachricht bricht Frederick im selben Wagen wieder nach Lyme auf. Anne und Henrietta verbleiben bei den Musgroves.

Was lernen wir über die Charaktere?
Louisa Musgrove

Ihr Tag in diesem Kapitel beginnt bereits sehr übermütig. Früh aufgestanden um mit Wentworth allein durch Lyme zu spazieren, fordert sie fasst schon von ihren Freunden, sich mit ihr zum Einkaufen in die Stadt zu begeben. Ihre Entschlossenheit sprudelt immer mehr aus ihr heraus, sie scheint keine Widerrede zu dulden, scheinbar um Wentworth zu imponieren. Die Pointe ihres Übermutes ist der Ausspruch “Ich bin entschlossen und werde es tun! (‚I am determined I will‘)” kurz bevor sie, trotz Warnung, von der Kaimauer springt und mit dem Gesicht zuerst auf dem harten Pflaster landet. Wentworth hatte ihr die Arme versehentlich eine halbe Sekunde zu spät entgegen gestreckt, um sie, wie gehabt, aufzufangen.

Henrietta Musgrove

Sie plant inzwischen zu Beginn des Kapitels ganz im Sinne ihres Verlobten Hayter und scheint mit diesem Arrangement zufrieden zu sein. Das Unglück ihrer Schwester lässt sie immer wieder ohnmächtig werden, was regelmäßig dazu führt, dass sich die anderen auch noch um sie kümmern müssen. Insgesamt macht sie bei jeder Besprechung darüber, wie nun weiter zu verfahren sei, einen zerstreuten Eindruck und kann keinen klaren, hilfreichen Gedanken fassen.

Mary Musgrove

Mary tritt in diesem Kapitel erst in Erscheinung, als sie gewahr wird, dass ihr soeben Mr. Elliot, der Erbe ihres Vaters, über den Weg gelaufen ist. Sie hat keinerlei Vorstellung davon, dass ihr Vater aufgrund Mr. Elliots Verhalten in der Vergangenheit sehr schlecht auf ihn zu sprechen ist. Sie fordert Anne förmlich und voller Ignoranz für Annes Einwände dazu auf, ihrem Vater von dieser Begegnung zu berichten. – Als erste Reaktion auf Louisa Unglück bricht es hysterisch und wenig hilfreich aus ihr heraus: „Sie ist tot! Sie ist tot!“. – Mary drängt es keineswegs, wie Wentworth unterstellte, nach dem Unfall nach Hause zu ihren Kindern. Sie besteht quasi darauf, bei ihrem Ehemann Charles in Lyme zu bleiben. Sie fände es eine unerträgliche Ungerechtigkeit, wenn sie statt Anne nach Uppercross abreisen müsse.

Charles Musgrove

Charles, der, nachdem das Unglück geschehen ist, „als wirklich liebevoller Bruder sich kummervoll über Louisa beugte und seine Augen von der einen Schwester nur abwendete, um die andere in völliger Ohnmacht zu sehen oder der hysterischen Erregung seiner Frau zu begegnen, die ihm um Hilfe anrief, ohne dass er sie ihr bringen konnte.“ – Charles richtet sich in dieser Situation hilflos an Anne: „Anne, Anne, was muss jetzt geschehen? Was um alles in der Welt müssen wir als nächstes tun?“ – Nach dem Louisa zu den Harvilles verbracht worden ist und es zu klären gilt, was nun weiter zu tun sei, kann auch er lange keinen klaren Plan erdenken. Einzig sein Entschluss, bei Louisa zu bleiben, steht fest. Auch gegen die Szene Marys kann er sich nicht mehr mit Bestimmtheit wehren.

Mrs. Harville

Sie eilt zusammen mit ihrem Mann sofort, nachdem sie den besorgten Benwick an ihrem Haus hat vorbeilaufen sehen, zur Unfallstelle und besteht als Hausherrin darauf, die verletzte Louisa in ihr Haus zu bringen und dort zu pflegen. „Mrs. Harville war eine kundige Pflegerin, und ihr erfahrenes Kindermädchen stand ihr nicht nach.Unter Obhut dieser beiden würde es Louisa nicht an Pflege fehlen.“ Sie und ihr Mann bringen alle „Bedenken zum Schweigen und, soweit es möglich war, auch die Dankbarkeit.“

Mr. (Kapitän) Harville

Mr. Harville bedankt sich bei Anne für ihr gestriges Gespräch mit Kapitän Benwick, weil es Benwick sehr gut getan hat: „Sie haben ein gutes Werk getan Miss Elliot!“ Danach bemerkt er allerdings auch, „dass das abgeschlossene Leben für ihn nicht gut ist“, sieht sich aber außer Stande, sich von ihm zu trennen: „Aber was können wir dazu tun? Wir können uns nicht trennen.“ – Harville schildert Anne weiterhin die Umstände, unter denen Benwick vom Tode seiner Frau erfahren hat und dass er, Harville, ihm die Nachricht hätte überbringen können. Als er erzählt, wie Frederick diese Aufgabe gemeistert hat, überkommen ihn die Gefühle und er bricht die Erzählung ab.

Mr. Elliot

Mr. Elliot begegnet Anne zum ersten Mal auf der Kaimauer und fasst sie gleich ins Auge. Er trägt, ebenso wie sein Diener, Trauerflor. Als Anne ihm das zweite Mal unbekannterweise begegnet, zeigt er sein „äußerst gutes Benehmen“, sodass Anne neugierig darauf wird, wer er wohl ist. Nach dem Frühstück reist er ab und die Gruppe erfährt vom Wirt, dass er wohl auf dem Weg über Bath nach London ist.

Frederick Wentworth

Kapitän Wentworth verbringt immer mehr Zeit mit Louisa. Sie gehen am Morgen gemeinsam spazieren und er fängt sie auf, wenn sie von der Kaimauer springen möchte. Dass Mr. Elliot bei ihrer ersten Begegnung einen direkten Blick auf Anne geworfen hat, bleibt ihm nicht verborgen und er scheint Anne sagen zu wollen: „Auf den Mann haben Sie Eindruck gemacht – und ich selbst sehe in diesem Augenblick etwas von der früheren Anne Elliot (That man is struck with you, and even I, at this moment, see something like Anne Elliot again).“ Auch als Mr. Elliot der Gruppe ein zweites Mal begegnet, wirft Frederick einen Seitenblick („half a glance“) auf Anne. 

Fredericks Charakter wird dem Leser weiter durch die Ausführungen Kapitän Harvilles erleuchtet, der die Anekdote erzählt, wie Wentworth seinem Freund Benwick die Nachricht vom Tode seiner Frau überbrachte und sich danach noch um ihn kümmerte: „Wentworth nahm es auf sich und kam um Urlaub ein (‚wrote up for leave of absence‘). Ohne die Genehmigung jedoch abzuwarten, reiste er Tag und Nacht, bis er Portsmouth erreicht, rudert augenblicklich zum ‚Grappler‘ (dem Schiffe Benwicks) hinüber  und blieb eine ganze Woche bei dem armen Burschen. Das tat er. Niemand anders hätte den armen James retten können.“

Als Louisa nach ihrem Sturz reglos am Boden liegt, eilt er zu ihr, hebt sie in seine Arme und stößt dann aus, als wäre seine Kraft am Ende: „Will mir denn niemand helfen? (‚Is there no one to help me?‘)“ Seine Hoffnung auf Hilfe und Unterstützung hängt an Anne. Er befolgt alles, was sie vorschlägt. Nachdem Louisa sicher in einem Bett im Hause der Harvilles untergebracht ist, erarbeitet Frederick den Plan, wer wie nach Uppercross reisen solle, um Louisas Eltern zu informieren. Er selbst wird die Verantwortung für das Geschehene tragen. Kurz vor Ankunft in Uppercross bitte er wieder Anne um ihre Meinung, ob sein Vorschlag, wie die Nachricht überbracht werden solle, gut genug sei. Nachdem er die Musgroves über den Zustand Louisas und das Geschehene informiert hat, reist er umgehend wieder zurück nach Lyme.

Anne Elliot

Anne zeigt zu Beginn des Kapitels ihr Wohlwollen für die Verbindung zwischen Hayter und Henrietta. Sie redet ihr sogar gut zu, obgleich auch etwas belustigt.

Als das Louisa Unfall geschehen ist und alle anderen Anwesenden nur apathisch sind, reagiert Anne am schnellsten und findet in dieser Ausnahmesituation gute Lösungen und Ratschläge. Sie wird der Mittelpunkt der Situation, alle richten sich nach ihr und gehorchen ihr.

Fredericks Plan beinhaltet, dass Anne bei Louisa bliebt und die Harvilles bei der Pflege unterstützt: „Aber wenn Anne bleiben möchte; niemand ist so geeignet, so befähigt wie Anne! (’no one so proper, so capable as Anne‘)“

Annes unverhoffte Fahrt nach Uppercross ist für sie „überraschend und erregend.“ Das Kapitel endet für Anne mit einer letzten Frage Wentworths nach ihrer Meinung: „die Erinnerung an diese Frage blieb für sie eine Freude, ein Beweis von Freundschaft und der Achtung vor ihrem Urteil und ein großes Glück. Wenn auch eine Art Abschied darin lag, es bedeutete ihr darum, nicht weniger.“

Begriffe

“Emma gegen ihren Henry / Emma towards her Henry“: Vermutlich eine Anspielung auf dieses Gedicht von Matthew Prior aus dem Jahre 1709.

Charakteristische Wendungen

Keine Wunde, kein Blut, keine sichtbare Prellung! Aber ihre Augen waren geschlossen, sie atmete nicht und ihr Gesicht war bleich wie der Tod. Kaltes Entsetzen ergriff alle Umstehende!“

Anne kümmert sich um alle: Anne, „die sich unter Aufbietung all ihrer Kraft, ihres ganzen Eifers und aus Instinkt geborener Überlegung um Henrietta bemühte, versuchte von Zeit zu Zeit, Mary zu beruhigen, Charles zu ermuntern und Kapitän Wentworths Gefühle zu beschwichtigen.“

„Nie hatte sich Anne widerwilliger den eifersüchtigen und unüberlegten Forderungen Marys gebeugt;  aber es musste sein.”

Anmerkungen

In der englischen Ausgabe des Romans wird deutlich, dass das zwölfte Kapitel an diesem kritischen Wendepunkt das erste Band (‚Volume‘) der Geschichte abschließt.

Jane Austen Anne Elliot Persuasion

Ende des ersten Bandes / Volumes