Handlungszusammenfassung

Nachdem der Bann der ersten Begegnung nach so langer Zeit zwischen Anne und Frederick gebrochen war, wird der gegenseitige Umgang beider in großer Musgrover Gast-Gesellschaft fast schon zur Routine. Sie wechseln allerdings kein Wort zu viel miteinander, sind beide sehr reserviert. Während die kleine Gesellschaft, und insbesondere die Töchter Musgrove, sich also intensiv mit Wentworth und seiner Vergangenheit sowie den Erlebnissen auf See beschäftigt und er in diesem Zuge nicht umhin kommt, das Jahr seines Verlöbnisses mit Anne, 1806, zu erwähnen, jedoch selbstverständlich ohne dieses Ereignis selbst auch nur zu tangieren, ist Anne stets in Gedanken darüber, was er dabei wohl empfinden mag und versucht Regungen zu erkennen, die auf sein Innenleben schließen lassen.

Wir erfahren, dass Wentworth bereits als junger Offizier das Glück hatte, das Kommando über eine Schaluppe namens ‚Espe‘ zu erlangen, wie er mit diesem Schiff auf eine napoleonische Fregatten traf, sie „einholte (‚brought her home‘)“ und das alles bevor ein viertägiger Seesturm losbrach, von dem die Espe nicht einmal zwei Tage hätte heil überstehen können. Nach der Stilllegung der Espe wurde Wentworth auf die ‚Lakonia‘ versetzt, wo er unter anderem ‚Dick‘ Musgrove vorgesetzt war, eine Tatsache, für die sich Mrs. Musgrove verständlicherweise besonders interessiert.

Admiral Croft unterbricht rüde das laufende Gespräch zw. Frederick und Mrs. Musgrove mit einer Spitze in Richtung des Kapitäns, woraufhin sich eine Diskussion darüber entspannt, ob und wie Frauen an Bord von Kriegsschiffen zu empfangen wären; eine Diskussion, in der sich Mrs. Croft nur allzu gern beteiligt. Frederick vertritt die Meinung, dass „trotz aller Anstrengungen und Opfer  die Unterkunft an Bord nicht so gestalten werden könnte, wie eine Frau es braucht. Frauen an Bord zu sehen ist mir in der Seele zuwider, und solange ich es verhüten kann, soll kein meinem Befehl unterstehendes Schiff Damen irgendwohin mitnehmen.“

Mrs. Croft, Fredericks Schwester erwidert, sie habe so lange an Bord gelebt wie je eine Frau und sie kenne nichts „Schöneres als die Unterkunft eines Kriegsmannes.“ Sie erklärt, sie habe „nirgends größere Bequemlichkeit oder Annehmlichkeit“ um sich gehabt als auf einem der fünf Schiffe, auf denen sie war.

Der Abend klingt auf traditionelle Musgrover Art in frohsinniger, vergnügter Gesellschaft mit Tanz und Gesang aus, wobei Anne am Klavier sitzt und ihre Finger mechanisch, fehlerlos und unbewusst über die Tasten gleiten lässt. Nur ein einziges Mal scheint sie Fredericks Blick zu spüren und ihn über sie reden hören: „Seine kalte Höflichkeit, seine feierliche Grazie waren schwerer zu ertragen als alles andere.“

Was lernen wir über die Charaktere?

Mrs. Musgrove sucht das persönliche Gespräch mit Wentworth und interessiert sich dabei besonders für die Lebensumstände ihres verstorbenen Sohnes Richard. Den Eindruck, den Mrs. Musgrove mit ihrem affektierten Kummer auf Frederick macht, wird wie folgt beschrieben: „Ein großer massiger Körper hat das gleiche Recht, sich tiefem Kummer hinzugeben, wie die wohlgestaltetste, zierliche Figur auf Erden. Aber ob schön oder unschön, es gibt Verbindungen, welche die Vernunft vergeblich zu ertragen sucht (‚unbecoming conjunctions‘), die der Geschmack nicht duldet und deren sich der Spott bemächtigt.“ Sie gibt breite, fette Seufzer über das Schicksal ihres Sohnes von sich, um den sich zeit seines Lebens niemand gekümmert hat. Darüber hinaus ist sich Mrs. Musgrove nicht zu blöd, die Sorgen und Leiden Mrs. Crofts, deren Mann sich monatelang im Krieg zur See befindet, mit ihren eigenen zu vergleichen, da ihr Mann regelmäßig den örtlichen Gerichtssitzungen beisitzt und somit den ganzen Tag nicht zu Hause ist. Sie meint, gerade „SIE wisse, was Trennung bedeute.“

Mrs. (Sophia) Croft (Fredericks Schwester) ist eine begeisterte Seemannsgattin. Sie fühlt sich von Fredericks Einstellung, keine Frauen an Bord seiner Schiffe haben zu wollen, gekränkt und bevormundet. Ihre eigene Lebensweise in 15 Jahren Ehe immer an der Seite des Admirals Croft auf mindestens fünf Kriegsschiffen mit denen sie „fünf Mal den Atlantik überquert“ und „vier Mal in Ostindien“ war, zeugt ihrer Ansicht nach davon, dass Fredericks Sichtweise fehlerhaft scheint oder er den Frauen zumindest unrecht tut. Sie zieht die Sichtweise ihres Bruders, zusammen mit ihrem Ehemann dem Admiral, sogar etwas ins Lächerliche, weil Frederick selbst ja noch nicht verheiratet ist und somit nicht weiß was es heißt.

Henrietta und Luisa (Töchter) Musgrove sowie die Töchter der befreundeten Familie Hayters eifern miteinander um die Aufmerksamkeit Wentworths. Alles aus seinem Leben und seiner Vergangenheit scheint von Belang. Keiner der Damen ahnt von der gemeinsamen Geschichte Fredericks und Annes oder sieht in Anne eine Bedrohung um seine Zuneigung. Über Anne bemerkt eine von ihnen: „sie hat das Tanzen ganz aufgegeben; sie spielt lieber, sie wird des Spielens nie müde“.

Frederick Wentworth erfreut sich besonderer Aufmerksamkeit von allen Seiten. Die Herzen der Damen fliegen ihm zu, Mrs. Musgrove  quillt über vor Dankbarkeit und die Crofts versteigen sich darauf, ihn von den Vorteilen weiblicher Begleitung auf Kriegsschiffen zu überzeugen. Mrs. Musgrove gegenüber bewies er mit „Verständnis und angeborener Grazie die freundliche Rücksichtnahme auf alles, was an elterlichen Gefühlen aufrichtig und natürlich war.“ Den Crofts verargumentiert er seine Sichtweise überaus sachlich und beendet die Diskussion abrupt als klar wird, dass sie ihm sein Nicht-Verheiratetsein herablassend zum Nachteil auslegen wollen. Allen jungen Damen der kleinen Gesellschaft bietet er die gleiche Aufmerksamkeit, tanzt, spricht und lacht mit ihnen. Anne gegenüber ist er einfach nur höflich und bezeichnet ihren Platz am Klavier in der Hitze des Moments sogar als „ihren Platz („I beg your pardon ma’am, this is your seat‘)“.

Anne Elliot befindet sich das ganze Kapitel über in der Beobachterrolle. Es wird deutlich, dass sie Frederick sehr gut zu kennen scheint: „Aber dieser (Fredericks) Ausdruck war zu flüchtig, um von jemand, der ihn weniger kannte als sie, bemerkt zu werden.“ Als Frederick das Glück erwähnte, das ihn davor bewahrte, in einem Seesturm mit der Espe unterzugehen, schauderte sie, eine versteckte emotionale Reaktion auf diese schreckliche Vorstellung („Anne’s shudderings were to herself alone“), während alle anderen Damen im Gegensatz zur ihr ihre Emotionen offen zur Schau tragen. Obwohl ihre Gedanken ununterbrochen um Frederick und sein Verhalten kreisen, kann sie sich nicht einmal als er sie am Klavier direkt anspricht dazu bewegen, ein freundliches Wort mehr mit ihm zu wechseln, sondern zieht sich umgehend zurück. Sie scheint hilflos, traurig und kann sich aus ihrer Lage nicht befreien.

Begriffe (deutsch & englisch)

Überfeinerung: übermäßige, unnötige Verfeinerung/Kultiviertheit (‚refinement‘); hier im Zusammenhang mit den Ansprüchen einer Frau an den Komfort in ihrer Unterkunft (Quelle); während das Englische nur von „idle refinement,“ also eigentlich „müßiger Kultiviertheit“spricht, gibt es in der deutschen Übersetzung die passende Erhöhung der „müßigen Überfeinerung“. Das ist eine gelungene Übersetzung, finde ich.

Zierpuppe (‚fine ladies‘): Mädchen/Frau, die übertriebenen Wert auf ihr Äußeres legt (Quelle); ebenfalls ein sehr schönes Wort, statt des zu simplen „fine ladies“!

schlechthin: absolut, geradezu, völlig (Quelle)

deference: Ehrerbietung, Anhimmel(-ung(?)

einholen (seemännisch): Frederick holt ein Schiff der Grand Nation ein; er nimmt es quasi „gefangen“ und bringt es als Trophäe mit zurück in den Hafen

Charakteristische Wendungen

Über Anne und Frederick: Es gab „wohl kaum zwei Herzen, die so füreinander geöffnet waren, zwei so gleichartige Neigungen, so übereinstimmende Empfindungen und so zur Liebe geschaffene Wesen. Jetzt waren sie Fremde,; nein, schlimmer als Fremde; denn sie konnten nie wieder Freunde werden. Die Entfremdung galt für immer (‚perpetual estrangement‘)“.

„No one seemed in higher spirits than Captain Wentworth. She (Anne) felt that he had every thing to elevate him which general attention and deference, and especially the attention of all the young women, could do.“

„The evening ended with dancing. On its being proposed, Anne offered her services, as usual; and though her eyes would sometimes fill with tears as she sat at the instrument, she was extremely glad to be employed, and desired nothing in return but to be unobserved.“