Bouvier liest...

... weil er ein musischer Nerd ist!

Autor: Vincent Bouvier (Seite 2 von 4)

Die Mutter – Kapitel 5

Eines Tages kündigt Pawel seiner Mutter an, dass er für den nächsten Sonnabend ein paar Gäste erwarte. Auf den darauf folgenden heftigen, ängstlichen Tränenausbruch der Mutter begegnet er im Ton des Vaters: „Eben an dieser Angst gehen wir alle zugrunde. Die uns kommandieren, nutzen unsere Angst aus und schüchtern uns noch mehr ein!“

Die Mutter erwidert bezeichnend: „Mein ganzes Leben habe ich in Angst zugebracht – meine Seele ist von Angst überwuchert!“

Am Sonnabend also treffen, während Pawels Abwesenheit, seine Gäste nacheinander bei der Mutter ein: Zuerst ein großer, schlacksiger Mann, ein Kleinrusse aus Kanew, der Nachodka genannt wird. Er ist bei einer inzwischen verstorbenen Pflegemutter aufgewachsen und ist noch auf der Suche nach seiner richtigen Mutter, die er bettelnd in Kiew vermutet.

Daraufhin tritt ein kleines, rundlich frisches Mädchen mit dem Namen Natascha Wassiljewna in den Raum und bei der Vorstellung des Mädchens im Hause gibt die Mutter ihren Namen mit „Pelageja Nilowna“ an.

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Die Mutter – Kapitel 6

Als die gesamte Runde sich im Raum verteilt und von der Mutter hat bewirten lassen, beginnt Natascha damit, aus einem gelben Buch zu lesen. Die Frage, die es offensichtlich an diesem Abend zu erörtern gilt, ist, warum der gemeine Mensch so schlecht ist und so schlecht lebt.

Die theoretische Herangehensweise, die das Ziel hat „alles zu wissen“ und mit dem „Licht der Vernunft“ für die sichtbar zu sein, die in dunkler Unwissenheit leben“, wird von Natascha, Pawel und dem Kleinrussen Nachodka vertreten. Im Gegensatz dazu stehen die anwesenden Fabrikarbeiter unter Wortführung Wessowschtschikows, die diese theoretische Erörterung für überflüssig halten, weil sie ja bereits wissen, wie sie heute leben wollen.

Die Einen meinen: „Wir müssen eine Brücke über den Sumpf dieses faulenden Lebens zum zukünftigen Reich der Herzensgüte schlagen!“, die Anderen hingegen: „Um uns schlagen müssen wir! Wunden zu heilen ist nicht die Zeit!“

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Das zertretene Herz

(Soundtrack zum Post: Alicia Keys – Try sleeping with a broken heart)

Sie hatte ihn verlassen, so viel stand fest. Oder jedenfalls hatte er es so zu akzeptieren. Sie lebte nun woanders. Er hatte ihr unmissverständlich klar gemacht, dass er es nicht länger etrage, wenn sie ihrem Neuen schreibe, ihm auf der Straße zu winke oder in ihrem ehemalig gemeinsamen Heim wie ein Geist herumschwirre, der in Gedanken nur seiner Verliebtheit für ihn nachhängt. Sie möge gehen und sich klar werden, was sie wollte, hatte er ihr respektvoll zu Verstehen gegeben.

So saß er nun, allein, im Halbdunkel der winterlichen Abenddämmerung auf dem Sofa, das einst Zeuge vieler liebevoller Spielereien zwischen ihnen gewesen war. Alles war ruhig, kein Knistern, kein Verkehrslärm von der Straße, nicht einmal sein eigenes Atmen konnt er hören. Die Zeit verstrich gleichgültig und zäh. Keine neue Sekunde, Minute oder Stunde hatte eine Bedeutung: Wozu auch? Was soll schon noch Neues passieren? Nichts, das er sich in seinem gebrochenem Herzen ausmalte, vermochte es, seine Einsamkeit, seine zerstörte Illusion von lebenslanger Zweisamkeit auszugleichen oder wenigstens zu lindern.

Doch plötzlich!

Durch die dunkle Stille des Raumes, schneidet sich das scharfe, respektlose Klingeln seines Telefons. Sie ruft an! Was will sie? Hat sie gespürt, wie sehr ich sie vermisse? Hat sie vielleicht erkannt, dass sie auch ohne mich nicht leben kann und will? Die bange Hoffnung und die trotzdem stärkere Angst vor noch schlimmeren Hiobsbotschaften, lassen sein Herz wie einen schweren Klotz, den man auf dünne, in der Luft hängende Styroporplatten fallen lässt, drei Etagen tiefer plumpsen. Grauenvoll! Und doch: vielleicht ist ein wenig Hoffnung doch noch gerechtfertigt…

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„Blass-Blau“

Morgens im Zug

In den Zug eingestiegen, der Zug ist fast leer, es sind viele Plätze frei und gleich gut, wo setze ich mich also hin? Ich scanne die einzelnen Sitzgelegenheiten nach dem einen oder anderen Vorteil ab; Sonne, Licht, Möglichkeit ungestört lesen zu können etc. Irgendwas wird mich schon ‚flashen‘ und dann werde ich es wissen.

Plötzlich wird einer dieser Plätze so klar und eindeutig der Vorteilhafteste an diesem Morgen, weil ich, wenn ich mich dort niederlasse, eine junge Frau in einem blass-blauen Kleid fast vollständig einsehen kann. Sie sitzt mit ihrem Smartphone in der Hand an die Wand gelehnt, hat Kopfhörer in den Ohren und hält sich den Display vor die Nase; wahrscheinlich guckt sie gerade irgendeinen Müll auf YouTube, aber egal. An der Stelle ihres linken Beines, an der es nackt das Kleid nach unten verlässt bemerke ich, dass sie durch das Sitzen leicht wellige Haut hat, was mich aber wie üblich davon überzeugt, dass sie ein ganz normales, natürliches Mädchen ist und keine von diesen auf Fake getunten, professionellen Pornoschranzen aus dem Internet (Reale Amateure natürlich ausgenommen; Kenner wissen, wovon ich rede).

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Die Mutter – Kapitel 7

Diese sonnabendlichen Zusammenkünfte werden allmählich zur Routine der Beteiligten und „jedes Zusammensein glich einer Stufe auf einer langen, schrägen Leiter, die irgendwohin in die Ferne führte und die Menschen langsam emportrug.“

Über Natascha erfahren wir, dass ihr Vater und Bruder sehr rohe Menschen sind und ihre Schwester unglücklich mit einem älteren Mann verheiratet ist. Ihre Mutter scheint der Wlassowa sehr ähnlich zu sein, denn sie lebt ebenfalls in ständiger Angst vor allem.

Pawel entwickelt sich während dieser Treffen zu einem leidenschaftlichen Redner, der Mutter fällt dabei auf, dass er jedoch gegenüber Natascha milder und freundlicher ist.

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Die Mutter – Kapitel 8

Während die Wlassowa eines Tages in der Vorstadt unterwegs ist ,wird sie von mehreren Leuten auf die zu Gerüchten Anlass gebenden Vorgänge in ihrem Hause angesprochen.

Da ist zum Einen der alt-ehrwürdige Gastwirt Begunzow, der ihr sagt: „Alles, was der Mensch vor anderen Menschen nicht zu sagen traut – was ist das? Das sind Geheimnisse! Für Geheimnisse aber ist nur unsere heilige apostolische Kirche der Ort. Alle anderen Geheimnisse, die sich in den Winkeln vollziehen, sind Verirrungen des Geistes!“

Zum Anderen ist da die Nachbarin der Wlassowa, Marja Korsunowa, die ihr von „bösen Gerüchten“ über ihren Sohn berichtet: „Er soll eine Gesellschaft in der Art der Chlysten gegründet haben. Man nennt das Sekte!“

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Die Mutter – Kapitel 9

Sie Sozialisten beginnen damit, jeden Montag Flugblätter in der Vorstadt zu verteilen, was auf ein geteiltes Echo stößt: Unmut bei den Ältern, Begeisterung bei den Jüngeren und dumpfe Gleichgültigkeit bei der von Arbeit abgestumpften Mehrheit.

Die Flugblätter führen dazu, dass Offiziere der Obrigkeit Hausdurchsuchungen und Befragungen in der Vorstadt anstellen, was die Mutter in helle Aufregung versetzt. Panisch läuft sie zum Haus von Fedja Masin, der krank war und nicht arbeitete, um ihm von den Durchsuchungen zu erzählen, er aber schickt sie wieder nach Hause, obgleich er selbst beunruhigt scheint.

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